

Mit einer Steinwildfreilassung am 05.07.2023 in Hüttschlag konnte ein weiterer Brückenkopf zur Verbindung der Steinwildvorkommen der Hohen Tauern, mit jenen der Schladminger Tauern gesetzt werden. Für die Initiative und die Umsetzung darf der Familie Mag. Alexander Draxler, den Tiergärten Hellbrunn und Nürnberg sowie den zahlreichen Steinwild-Paten herzlich gedankt werden. Wie auch aus der Lebensraumstudie von DI Martin Forstner hervorging, stellt der Freilassungsbereich einen idealen Lebensraum für das Steinwild dar. Wie gut dieses Gebiet, dass bisher bereits von Wechselwild aus angrenzenden Bereichen vereinzelt aufgesucht wurde, nun von den zehn freigelassenen Tieren angenommen wird, sollen die Beobachtungen durch die Berufsjäger, sowie den Telemetriedaten Aufschluss geben. Bei einem positiven Verlauf ist für nächstes Jahr eine weitere Freilassung von elf Stück geplant.
Die Hohen Tauern beherbergten einst einen großen, zusammenhängenden, wenn auch nicht flächendeckenden Steinwildbestand. Dieser wurde Anfand des 18. Jahrhunderts ausgerottet. Der Auslöser dafür war ein erbitterter Krieg zwischen Wilderern, die Steinböcke wilderten und den Leibjägern des Fürsterzbischofs von Salzburg, der alljährliche mehrere Tote forderte. Der Grund, warum Steinwild so intensiv gewildert wurde, war der Umstand, dass verschiedenen Teilen des Wildbrets („Herzkreuzl“, Horn, Wedel etc.) enorme Heilwirkung zugesprochen wurde, diese wurde sogar 1683 vom Leibarzt des Fürsterzbischofs bestätigt. Um diesen Konflikt zu beenden beauftragte der Fürsterzbischof von Salzburg, Graf Thun, seine Leibjäger das Steinwild vollständig abzuschießen. Um 1706 wurde so das letzte Steinwild der Ostalpen erlegt.
Durch den Schutz des damaligen italienischen Königs (Victor Emanuel II) hat ein kleiner Restbestand des alpinen Steinwilds in einem seiner Reviere im Gran Paradiso überlebt. Von diesem Restbestand stammen alle nun existierenden Steinwildbestände des Alpenraums ab. Auch in den Salzburger Hohen Tauern, den angrenzenden Schladminger Tauern und den Kärntner Hohen Tauern im Süden konnten sich mittlerweile wieder einige Steinwildkolonien etablieren.
Auf Initiative von Mag. Alexander Draxler vom Gut Hüttschlag konnten nun am 5. Juli 10 Stück Steinwild in der JBG Hüttschlag im Großarltal ausgewildert werden. Wie bereits bei den vorangegangenen Steinwildauswilderungen im Salzburgischen (Gasthofgebirge, Lessachtal) wurde das Projekt von mir auf Basis einer fundierten Machbarkeitsstudie geplant. Die Lebensraumeignung wurde im Wesentlichen gemäß den Kriterien zur Planung von Aussetzungen von Steinwild, die von Dr. Gunther Gressmann für das Land Salzburg entwickelt wurden, bewertet. Da der Winter für das Steinwild der limitierende Faktor ist, wurde bei der Bewertung besonderes Augenmerk auf potentielle Winterlebensräume und das dort vorhandene Nahrungsangebot gelegt, das von folgenden Faktoren abhängt:
a) Die Exposition, da v.a. an Süd- und Südwesthängen der Schnee schneller schmilzt
b) Die Hangneigung, da in steilen Hängen der Neuschnee ständig abrutscht, sodass das Steinwild dort leichter zur Pflanzendecke gelangt,
c) zusammen mit der Sonnenscheindauer im Winter
d) Der Felsanteil: Felsen kommen dem Fluchtverhalten von Steinwild entgegen, bilden wichtige Einstände während Schneefällen und erwärmen sich durch die Sonneneinstrahlung, was zu einer rascheren Schneeschmelze führt, sodass dort das Steinwild leichter zur Äsung gelangt.
e) Der Nichtwaldanteil: dichter Baumbestand verhindert das Abrutschen des Schnees, die Schneeschmelze wird dadurch meist verzögert.
Anhand dieser Kriterien wurden in Kombination mit den Erkenntnissen aus den Begehungen des Projektgebietes detaillierte Karten der Lebensraumeignung erstellt und zur besseren Erkenntlichkeit der potentiellen Lebensräume auch in einer 3D-Darstellung visualisiert.
Mit dieser Steinwildauswilderung soll eine neue Kolonie begründet werden, mit der die Steinwildkolonie des Gasthofgebirges im Osten des Großarltals mit dem südlichen Steinwildvorkommen im Maltatal und den Kärntner Hohen Tauern verbunden wird, um so einen zusammenhängenden Steinwildbestand zu schaffen. Die Steinwildkolonie des Gasthofgebirges (ca. von 70 – 80 Stück) ist mittlerweile über das Riedingtal in die Nähe des Großarltals vorgerückt und aus dem Maltatal kommen im Sommer regelmäßig einige Steinböcke als Sommergäste ins Großarltal, sodass gute Voraussetzungen bestehen um diese Verbindung tatsächlich herzustellen. Mittelfristig soll auch eine Verbindung Richtung Osten, zu den Vorkommen in den Schladminger Tauern geschaffen werden.
Die am 5. Juli ausgewilderten 10 Stück Steinwild sind 1-2 Jahre alt, 7 davon sind weiblich, 3 männlich. Ihre Eignung ist durch entsprechende veterinärmedizinische Untersuchungen nachgewiesen. Alle Tiere wurden vor ihrer Freilassung mit Ohrenmarken und Mikrochips markiert. 4 Tiere (3 weibliche, 1 männliches) tragen ein Telemetriehalsband, sodass ihr Aktionsradius gut nachverfolgt werden kann. Die Bezugsquellen für das Steinwild waren der Tiergarten der Stadt Nürnberg, der Salzburger Zoo Hellbrunn und der Klausnerhof bei Schladming. Im Vorfeld der Auswilderung war dankenswerterweise Jörg Beckmann, Biologischer Leiter des Tiergartens der Stadt Nürnberg, unermüdlich um die Beschaffung von Steinwild mit einer möglichst großen genetischen Bandbreite bemüht. Besonders hervorzuheben ist die professionelle Arbeit der beiden Zoos, von der Auswahl der Tiere, deren tierärztlicher Vorbereitung und der Betreuung bis zur Freilassung, die eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Auswilderung war.
Am Tag der Freilassung war das Wetter besser als der Wetterbericht, sodass das Steinwild sicher mit dem Helikopter (Heliaustria) auf den Berg geflogen werden konnte. Mit großer Unterstützung durch die zahlreich vertretene Jägerschaft, die eine Menschenkette bildete um das „Ausbüchsen“ der Tiere hinab in den Schutzwald zu verhindern, wurde dann das Steinwild mit gleichzeitiger Öffnung der Transportkisten in die freie Wildbahn entlassen - ein beglückender Moment für alle Anwesenden! In kürzester Zeit waren die 10 Stück Steinwild oben am Grat und genießen nun ihre Freiheit im Großarltal. Die Auswilderung wurde im Anschluss bei den beiden gemütlichen Kreealmhütten ausgiebig gefeiert.
Der Dank für diese gelungene Steinwildauswilderung gilt v.a. dem Initiator des Projekts, da wildökologische Projekte wie dieses nur dann möglich sind, wenn sich Idealisten wie Alexander Draxler vom Gut Hüttschlag finden, der auch einen wesentlichen Teil der Projektkosten trägt. Ein großes Dankeschön geht aber auch an jene Paten, die durch entsprechende Patenschaften den Ankauf des Steinwilds mitfinanziert haben: BM Josef Kaiser, Clemens Altenburg, Matteo Thun-Hohenstein und Theodor Mautner-Markhof, Dorothea Meltl und Christine Meltl, Dr. Wilhelm Gorton, Dipl. Ing. Felix Sorger und William Gorton, Hegemeister Norbert Rohrmoser, Teresa Pagitz, Jakob Pagitz und BJM Hannes Fraiss und nicht zuletzt Ludwig H. Draxler. Auch die Behördenvertreter der zuständigen Fachbereiche in der Salzburger Landesregierung, die Mitglieder des Wildökologischen Fachbeirats und die Salzburger Jägerschaft haben den Projektantrag von Anbeginn unterstützt.
Zum Monitoring sind permanente wildökologische Erhebungen und die Auswertung der Telemetriedaten vorgesehen. Diese werden auch laufend durch Sichtbeobachtungen der Berufsjäger des Guts Hüttschlag aktualisiert. Die Informationen über den Aufenthalt des ausgewilderten Steinwilds sollen aber auch durch Sichtbeobachtungen von JägerInnen der angrenzenden Reviere bereichert werden, um so insgesamt genaue Kenntnisse über die räumliche und zeitliche Nutzung des neuen Lebensraumes sowie eventuelle Kontakte mit benachbarten Kolonien und anderen Wildarten zu gewinnen. Diese Sichtbeobachtungen sollen mit der Bekanntgabe der Ohrmarkennumer und deren Farbe, dem Tag samt Uhrzeit und einer möglichst präzisen Ortsangabe an mich und/oder die Salzburger Jägerschaft gemeldet werden (Kontaktdaten siehe unten).
Ohrmarken -Nummer | Farbe | Geschlecht |
20 | blau | M |
21 | blau | M |
22 | blau | M |
23 | blau | W |
25 | blau | W |
10 | blau | W |
11 | blau | W |
12 | blau | W |
1 | weiß | W |
2 | weiß | W |
Weiters werden potentielle Auswirkungen auf die Gamspopulation, andere Wildarten und auf die Vegetation des angrenzenden Schutzwaldes gemäß Bescheid erhoben. Bei entsprechend positiven Ergebnissen des Monitorings ist für 2024 - auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse - die Auswilderung weiterer 11 Stück Steinwild vorgesehen.
Dieses uneigennützige Steinwildprojekt wird einen wertvollen Beitrag zur Wiederbesiedlung der ursprünglichen alpinen Steinwild-Lebensräume und zur Vereinigung von westlich, östlich und südlich des Großarltals bestehenden Steinwildkolonien leisten.
Meldungen über Sichtbeobachtungen bitte an:
Dipl.-Ing. Martin Forstner
W W N - Wildökologie und Jagd * Waldwirtschaft * Naturraum – Planung & Beratung
Arbesbach 62, A-3925 Arbesbach
Tel.: +43664/3820400
E-mail: office@wwn-forstner.at,
oder
Dipl.-Ing. Josef Erber
Salzburger Jägerschaft, Jagdzentrum Stegenwald
Pass-Lueg-Straße 8, A-5451 Tenneck
Tel.: +43 6468 399 22
Fax: +43 6468 399 22-20
E-mail: josef.erber@sbg-jaegerschaft.at