Zur Gründung einer Steinwildkolonie im Gasthofgebirge

Der Pächter eines ÖBF-Revieres im Gasthofgebirge hatte 2011 die Idee Steinwild im Bereich seines Jagdreviers wieder anzusiedeln. Seine Motivation war nicht die künftige Bejagung sondern die Ergänzung des ursprünglichen Wildarteninventars durch das hier ausgestorbene Steinwild. Von Anfang an war seine Vorgabe, dass dieses Projekt auf einer wildökologisch fundierten Basis durchgeführt werden muss. Es wurde daher nicht einfach Steinwild angekauft und freigelassen, wie am Tag der Freilassung leicht der Eindruck entstehen könnte, sondern es wurde in den Jahren 2011 und 2012 vom Autor dieses Artikels eine sehr detaillierte Bewertung der Lebensraumeignung dieses Gebietes für Steinwild durchgeführt.

Die Lebensraumeignung wurde im Wesentlichen gemäß den Kriterien zur Planung von Aussetzungen von Steinwild, die von Dr. Gunther Gressmann im Auftrag der Salzburger Jägerschaft im Rahmen der Initiative „Jahrzehnt des Steinwildes“ für das Land Salzburg vor 15 Jahren entwickelt wurden, bewertet. Da Fallwildverluste während der Wintermonate den  limitierenden Faktor darstellen, wurde bei der Bewertung besonderes Augenmerk auf potentielle Winterlebensräume und das dort vorhandene Nahrungsangebot gelegt, das von folgenden Faktoren abhängt:

 

a) Die Exposition: Südseitige Hänge, höhere Sonneneinstrahlung bedingt rasche Schneeschmelze und Steinwild tankt Sonnenenergie

b) Die Hangneigung, da in steilen Hängen der Neuschnee ständig abrutscht, sodass das Steinwild dort leichter zur Pflanzendecke gelangt (durch allzu steile Hänge/Wände wird allerdings das Nahrungsangebot reduziert), zusammen mit der Sonnenscheindauer

c) Der Felsanteil: Felsen kommen dem Fluchtverhalten von Steinwild entgegen, bilden wichtige Einstände während Schneefällen und erwärmen sich durch die Sonneneinstrahlung, was wiederum zu einer rascheren Schneeschmelze fu?hrt

d) Der Nichtwaldanteil: dichter Baumbestand verhindert das Abrutschen des Schnees, die Schneeschmelze wird dadurch meist verzögert.

Anhand dieser Kriterien wurden detaillierte Karten der Lebensraumeignung erstellt und zur besseren Erkenntlichkeit der potentiellen Lebensräume auch in einer 3D-Darstellung visualisiert.

Die 3D-Karte zeigt die winterliche Lebensraumeignung des von Süden betrachteten Projektgebiets, die geeignete Hangneigung wurde hier aufgrund der optimalen Sonneneinstrahlung bzw. Sonnenscheindauer, mit 30-70° angenommen.

Das Jagdgebiet, in dem nun die Auswilderung von zunächst zehn Stück Steinwild durchgeführt wurde, ist eine Eigenjagd der Österreichischen Bundesforste AG im Gasthofgebirge, das potentielle Ausbreitungsgebiet des Steinwilds umfasst jedoch mehrere Jagdreviere im Gasthofgebirge und geht noch weit darüber hinaus. Die Lebensraumbewertung für dieses Projektgebiet hat ergeben, dass eine teils sehr gute teils gute, z.T. auch mäßige Eignung als Steinwildlebensraum vorliegt. V.a auf der südlichen, ins Riedingtal abfallenden Seite befinden sich gut geeignete Wintereinstände, am Plateau sowie auf der nördlichen Seite entsprechende Sommereinstände. Das Gasthofgebirge hat auch durch seine Ost-Westerstreckung das Potential einen Zusammenschluss des aktuellen Steinwildvorkommens der Hohen Tauern mit jenem der Schladminger Tauern zu unterstützen und evtl auch eine Verbindung zu südlich gelegenen Steinwildkolonien herbeizuführen.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden mit Vertretern der Salzburger Jägerschaft und der Österreichischen Bundesforste AG sowie mit Dr. Mag. Gunther Greßmann (Büro Gesellschaft für Wildtier und Lebensraum) eingehend diskutiert und für gut befunden, sodass der Projektentwurf im Juni 2012 den Jagdinhabern und Grundeigentümern des potentiellen Projektgebietes im Riedingtal vorgestellt werden konnte. Am Ende dieser Veranstaltung sprachen sich alle Anwesenden für die Durchführung des Projektes aus, sodass im September 2012 auf Basis der Machbarkeitsstudie das Steinwildprojekt Gasthofgebirge bei der Salzburger Landesregierung eingereicht wurde. Nach einer äußerst gewissenhaften Überprüfung seitens der zuständigen Behörden wurde Ende Dezember 2013 schließlich ein positiver Bescheid erlassen. Danach erfolgte sehr rasch die Zustimmung der nachbarschaftlichen Grundbesitzer zur Einrichtung von Monitoringflächen auf ihrem Grund und Boden, die seitens der Forstbehörde vorgeschrieben wurde.

Die nun am 8. Juli 2014 freigelassenen zehn Stück Steinwild sind 1-3 Jahre alt, 7 davon sind weiblich, 3 männlich. Ihre Eignung ist durch entsprechende veterinärmedizinische Untersuchungen nachgewiesen und sie wurden vor ihrer Freilassung mit Ohrenmarken und Mikrochips markiert, sodass ihr Aktionsradius gut nachverfolgt werden kann. Die Bezugsquelle für das Steinwild ist der Alpenzoo Innsbruck, der im Rahmen der Europäischen Zoogemeinschaft die Nachzucht von Steinwild mit einer möglichst großen genetischen Bandbreite koordiniert. Die Tiere wurden vom Alpenzoo Innsbruck, dem Zoo Hellbrunn und dem Zoo Augsburg zur Verfügung gestellt. Auch der Transport des Steinwilds von Innsbruck ins Gasthofgebirge wurde ebenso wie dessen tierärztliche Betreuung von Fachleuten des Alpenzoo Innsbruck durchgeführt. An dieser Stelle ist ganz besonders hervorzuheben, dass die professionelle Arbeit des Alpenzoos Innsbruck - von der Auswahl der Tiere, deren tierärztlicher Vorbereitung, der Zusammenführung und dem Transport samt nachfolgender Freilassung – eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Freilassung war.

Trotz tagelang beunruhigender Wetterberichte war dann am Tag der Freilassung das Wetter wesentlich besser als die Prognosen dies erwarten ließen, sodass das Steinwild sicher mit dem Helikopter (Heliaustria) auf den Berg geflogen werden konnte. Am Freilassungsort auf rund 2.200 m konnten mit bestmöglicher Unterstützung durch den Alpenzoo schließlich die „Steinwildpaten“, örtlichen Jäger, Grundbesitzer, Naturliebhaber sowie LJM Komm.-Rat Josef Eder  die Tiere in die Wildbahn entlassen. Es war dann für alle Anwesenden ein beglückender Moment, als die zehn Stück Steinwild nach gleichzeitiger Öffnung der Transportkisten innerhalb kürzester Zeit einen nahegelegenen Steilhang in Windeseile erkletterten, als wären sie seit jeher dort zuhause.

Stellvertretend für das freigelassene Steinwild, das nun die freie Wildbahn des Gasthofgebirges genießt, ist hier v.a. dem Jagdpächer und Initiator des Projekts, der auch einen wesentlichen Teil der Projektkosten trägt, zu danken, ein großes Dankeschön geht aber auch an jene Paten, die durch entsprechende Patenschaften den Ankauf des Steinwilds mitfinanziert haben, an den Grundbesitzer des Auswilderungsrevieres, die Österreichischen Bundeforste AG und an die Salzburger Jägerschaft, die das Projekt von Anbeginn unterstützt hat. Auch Dr. Mag Gunther Gressmann, Wildbiologe beim Nationalpark Hohe Tauern, ist für seine kritische Betrachtung des Projektentwurfs, die ein wichtiger Input für die weitere Projektplanung war, zu danken.

Zum Monitoring sind permanente wildökologische Erhebungen vorgesehen. Diese werden durch Sichtbeobachtungen von Steinwild, welche an mich und/oder die Salzburger Jägerschaft gemeldet werden, ergänzt, um so genaue Kenntnisse über die räumliche und zeitliche Nutzung des neuen Lebensraumes sowie eventuelle Kontakte mit benachbarten Kolonien und anderen Wildarten zu gewinnen.

 

Ohrmarken -Nummer

Geschlecht

Alter

14845

W

2012

14856

W

2013

14858

W

2012

14859

M

2012

14860

W

2013

23

M

2011

24

W

2013

25

W

2013

8786

W

2012

12154

M

2013

Weiters werden potentielle Auswirkungen auf die hier in relativ geringer Wilddichte vertretene Gamspopulation und auf die Vegetation des angrenzenden Schutzwaldes gemäß Bescheid erhoben. Bei entsprechend positiven Ergebnissen des Monitorings ist für 2015 - auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse - die Auswilderung weiterer zehn Stück Steinwild vorgesehen. Deren Monitoring wird dann auch durch das Telemetrieren einiger ausgesetzter Tiere mittels bildgestützter GPS-Telemetrie unterstützt.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass dieses uneigennützige Steinwildprojekt einen wertvollen Beitrag zur Wiederbesiedlung der ursprünglichen alpinen Steinwild-Lebensräume und zur Vereinigung von westlich, östlich und südlich des Gasthofgebirges bestehenden Steinwildkolonien leisten kann.

 

Meldungen über Sichtbeobachtungen bitte an:

Dipl.-Ing. Martin Forstner

W W N  - Wildökologie und Jagd  * Waldwirtschaft  * Naturraum – Planung & Beratung

Neustifterstraße 62, A-3925 Arbesbach

Tel.:  +43664/3820400

E-mail: office@wwn-forstner.at,

 

oder

 

Dipl.-Ing. Josef Erber

Salzburger Jägerschaft, Jagdzentrum Stegenwald

Pass-Lueg-Straße 8, A-5451 Tenneck

Tel.:  +43 6468 399 22

Fax:  +43 6468 399 22-20

E-mail: josef.erber@sbg-jaegerschaft.at

 

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